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Weshalb beschleicht uns an manchen Plätzen so ein eigenartiges Gefühl? Ganz einfach: Weil es magische Orte sind. Kultstätten unserer -vorchristlichen Vorfahren, heilige Haine und Tempelbezirke, Schauplätze historischer Tragödien oder aber Quellen unerfindlicher Kräfte. Sie alle umweht ein besonderes Geheimnis. Harald Hartusch, der Autor des Erfolgsbuches „MYSTERY – Die großen Mythen des Saarlandes“ versteht es wie kein anderer, diese spannend und unterhaltsam zu lüften.

Einfach nur Glück gehabt?

Im 3. nachchristlichen Jahrhundert plünderten, verwüsteten und zerstörten einfallende Germanenstämme die gallo-römischen Städte und Siedlungen im Saar-Mosel-Raum. Allein der „Vicus im Wareswald“ blieb verschont. Wieso eigentlich?


Es waren unruhige Zeiten. Der Limes hielt die beutehungrigen Germanen schon lange nicht mehr auf, und in den Jahren 275/76 n.Chr. zogen sie ihre blutige Spur auch durch unser heutiges Saarland. Das antike Schwarzenacker und der gallo-römische Vicus in Bliesbruck-Reinheim wurden dabei ebenso geplündert, zerstört und verwüstet wie „Contiomagus“, das bis dahin blühende Gemeinwesen am Zusammenfluss von Prims und Saar. Zurück blieben rauchende -Ruinen, verarmte Überlebende sowie eine ungewisse Zukunft.
Genau eine Tagesreise entfernt wartete ebenfalls reiche Beute – doch die Germanen ließen den „Vicus im Wareswald“ buchstäblich links liegen. Zufall? Schwer zu glauben, denn dieses blühende Handelszentrum lag am Kreuzungspunkt zweier stark frequentierter Römerstraßen.
Geradezu mysteriös: Die eine dieser beiden Verbindungsstraßen verlief von Straßburg über den Vicus in Schwarzenacker bis nach Trier, die zweite kam von Metz über das antike Contiomagus – das heutige Dillingen-Pachten – und verlief über den „Vicus im Wareswald“ weiter bis nach Mainz.

Geht man davon aus, dass die einfallenden Germanenstämme der Einfachkeit halber den römischen Straßen folgten und nimmt man nun noch die Erkenntnis hinzu, dass sie sowohl auf der einen unterwegs waren und dabei Schwarzenacker und Reinheim heimsuchten, als auch auf der anderen und dabei Contiomagus dem Erdboden gleich machten, dann fragt man sich schon, weshalb sie dann ausgerechnet den „Vicus im Wareswald“ verschonen sollten? Er lag doch buchstäblich auf der Strecke – am Kreuzungspunkt beider Trassen. Mit anderen Worten: Die Beute suchenden Germanenhorden hätten daran vorbei kommen müssen! Ein Rätsel, das die Archäologen bis heute beschäftigt – und das natürlich reichlich Raum für Spekulationen lässt. Haben sich die Einwohner möglicherweise freigekauft? Oder lag zu dieser Zeit gerade römisches Militär aus dem nahen Trier in der Siedlung?
Doch falls tatsächlich gerade römische Legionäre vor Ort waren, so wären diese doch bestimmt den Menschen in Schwarzenacker zu Hilfe geeilt. Also doch Option eins, die Zahlung eines üppigen Bestechungsgeldes?
Möglich. Doch weshalb sollten sich die Germanen mit einem Bruchteil dessen begnügen, wenn sie auch alles haben konnten? Wenn die Siedlung ungeschützt einfach und ohne eigene Verluste zu nehmen war? Fragen über Fragen. Weshalb der „Vicus im Wareswald“ letztlich verschont wurde, bleibt also auch weiterhin ein ungelöstes Rätsel.

Was die Archäologen jedoch mittlerweile wissen, ist die große Bedeutung dieses Siedlungsplatzes in gallo-römischer Zeit, und dass er bis zum Ende des 4. nachchristlichen Jahrhunderts unversehrt blühen und gedeihen konnte, bevor er von seinen Einwohnern einfach aufgegeben wurde.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang zudem die Tatsache, dass der Vicus Wareswald – nach den verheerenden Germaneneinfällen im Saar-Mosel-Raum – Mitte des 3. nachchristlichen Jahrhunderts und nach einer kurzen Episode des Niederganges augenscheinlich sogar von den furchtbaren Geschehnissen in der Region profitierte. Der Siedlungsplatz „Vicus im Wareswald“ ein Kriegsgewinnler?
Fast sieht es danach aus, denn bereits Ende des 3. / Anfang des 4. nachchristlichen Jahrhunderts startete der uralte Handels- und Handwerkerplatz, am Schnittpunkt zweier bedeutender Römerstraßen nochmals so richtig durch. Trier war zur Kaiserresidenz geworden und zum Mittelpunkt des Imperiums aufgestiegen.

Die größte antike Stadt nördlich der Alpen war von 261 bis 274 und von 286 bis 393 nach Christus Hauptstadt des Römischen Reiches. Berühmte Kaiser wie Konstantin der Große oder Valentinian I. und sein Sohn Valentinian II. residierten hier, ließen repräsentative Monumentalbauten wie die Kaiserthermen oder die Konstantinbasilika errichten. Angezogen vom Glanz des Kaiserhofes und der Sicherheit durch hier im Umfeld stationierte Reitersoldaten, sogenannte „Comitatenses“, wuchs nun die Einwohnerzahl beträchtlich. Mit einer hohen fünfstelligen Bevölkerungszahl hatte man – um das Jahr 300 n.Chr. herum – schließlich den Status einer antiken Weltstadt erreicht.
Und dies strahlte natürlich auch in die Peripherie der Stadt aus. So ist archäologisch deutlich zu erkennen, dass viele der Gebäude im Wareswald nochmals eine grundsätzliche Instandsetzung erfuhren, darunter auch unser Marstempel.
Auch das Auffinden einer spätantiken „Rötelstift-Manufaktur“ zeugt von diesem erneuten Aufschwung des Marktfleckens. Der in der Umgebung abgebaute Mineralfarbstoff wurde hier zu Farbstiften geschnitten und auf die Reise gebracht. Diese Schreibstifte dürften damals einer der Exportschlager des Vicus gewesen sein!
Möglicherweise profitierte man auch davon, einfach konkurrenzlos zu sein. Während die übrigen Vici der Gegend noch an den Folgen der Plünderungen und Verwüstungen durch die Germanen litten, konnte man im Wareswald – davon unbehelligt – mit allen Annehmlichkeiten leben und weiter Handel treiben und produzieren. Gut 100 Jahre dauerte diese erneute Blütezeit des Ortes an, dann wurde der „Vicus im Wareswald“ für immer aufgegeben und verlassen.
Weshalb wissen wir nicht, ebenso wenig wie wir eine Erklärung dafür haben, weshalb ausgerechnet der „Vicus im Wareswald“ von den Germanen als einziger Vicus im Saar-Mosel-Raum verschont wurde und so eine zweite Chance zum wirtschaftlichen Aufschwung Ende des 3. nachchristlichen Jahrhunderts erhielt.

Wohin des Weges?